Dr. Bernhard Hauke
Geschäftsführer | Marketing | Sprecher
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ILEK Chicago Exkursion - Hochhausentwürfe
Die Eindrücke, die die Studierenden auf der Reise gesammelt haben und die daraus enstandenen Hochhausentwürfe findet ihr zusammengefasst in dem PDF anbei. Wir freuen uns über jede Einreichung aus den Arbeiten sowie über Einreichungen anderer Studierender zu unserem nächsten Förderpreis. 20170628_reader_ILEK_final  

Deutscher Stahlbau. Gut beraten.Deutscher Stahlbau. Gut beraten.

Hausbrauerei in Karlsruhe

3. Preis

Valerio Calavetta, Karlsruhe
weitere Beteiligte: Lukas Bessai
Semesterarbeit

Laudatio
Die Arbeit überzeugt durch detailtreue konstruktive Ausführung sowie die klare Herausstellung positiver Merkmale bei der Nutzung von gewalzten offenen Stahlprofilen. Die Gebäudekonzeption verdeutlicht eine transparente zurückhaltende Architektur in einem bereits eng bebauten städtebaulichen Kontext. Der Entwurf ist beispielhaft für modernen Geschossbau in Stahlbauweise.

Erläuterung von Valerio Calavetta:

Die Braukunst
In der Vergangenheit gehörte das Bier zu den Lebensmitteln des täglichen Bedarfs. Im Mittelalter führten Klosterbrauereien zu einem geregelten Braubetrieb. Trotz niedriger Bierpreise wurde zu dieser Zeit durchschnittlich 20 Prozent des Lohns für den Bierkonsum ausgegeben. Im Gegensatz zum damaligen Trinkwasser, war Bier durch das Kochen und den Hopfen weitgehend keimfrei. Es galt wegen seinem hohen Nährwertes als wichtige Ergänzung der oft knappen Nahrung.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Karlsruhe, nach München und Dortmund mit 31 einheimische Kleinbrauereien die drittgrößte Braustadt Deutschlands. Die benötigten Rohstoffe wurden aus dem Elsass bezogen und das gebraute Bier bis nach Paris verkauft. Nach dem ersten Weltkrieg waren Handelsbeziehungen Richtung Westen kaum noch möglich und aus dem Elsass konnte keine billige Braugerste mehr bezogen werden. Dies führte zum ersten großen Brauereisterben. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts mussten zahlreiche weitere Brauereien schließen. Heute gibt es in Karlsruhe mit Höpfner und Moninger lediglich noch zwei ansässige Industriebrauereien, die den Bierabsatz in den örtlichen Gaststätten und Bierlokalen bestimmen.

© Valerio Calavetta

Die Hausbrauerei
Hausbrauereien sind in vielen Städten Deutschlands zu finden. Die meisten dieser Brauhäuser sind seit Generationen familiengeführt und in geschichtsträchtigen Altstadthäusern ansässig. Die Tradition des Brauens und die Ursprünglichkeit des Handwerks sind ebenso Teil des Produktmarketings wie die Architektur. Wie bei vielen anderen alten Handwerkszünften, entwickelte sich auch bei den städtischen Brauern ein ganz eigener Gebäudetypus. Aus den inneren Funktionsabläufen und den äußeren Gegebenheiten entstand eine stark komprimierte Kombination aus Produktion, Lager, Vertrieb und Schankraum. Um auf aufwendige Transporte zu verzichten, wurde das Bier dort gebraut, wo es getrunken wurde – direkt in der Stadt.Durch die Motorisierung des Verkehrs und die Industrialisierung der Brauereien im 20. Jahrhundert verlor der Gebäudetypus an Bedeutung und nur wenige Hausbrauereien konnten sich gegen das Industriebier behaupten.
Heute erfreuen sich Hausbrauereien wieder größter Beliebtheit. Besonders in Städten findet sich eine wachsende Schicht, die großen Wert auf die Herkunft und Qualität ihrer Lebensmittel legt. Gleichzeitig findet eine zunehmende Ausdifferenzierung, Individualisierung und Vervielfältigung von Produkten und Produzenten statt. Der kompakte Typus der Hausbrauerei bietet zudem optimale Rahmenbedingungen für Brauereiführungen. Das Erlebnis und die Möglichkeit etwas über die Herstellung von Bier zu erfahren, zieht viele Besucher in die Hausbrauereien.

Die Entwurfsaufgabe
Wie eine solche Hausbrauerei heute aussehen könnte, stellte die zentrale Frage der Entwurfsaufgabe dar. Was sind gegenwärtig die räumlich maßgebenden Faktoren? Wie drückt sich die funktionale Organisation der Produktion in der Architektur ab? Wie passt sich das produzierende Gewerbe in die Stadt ein und wie sieht ein zeitgenössischer Typus aus, der sich nicht über die Geschichtsträchtigkeit definiert?
Grundlegen dabei ist es, die Besucher und Gäste von Führungen direkt in das Konzept zu integrieren. Auf diese Weise kann die Brauerei im städtischen Kontext bestehen und die wirtschaftlichen Nachteile, die sich aus der komprimierten Bauweise ergeben, konterkarieren.

Städtebauliche Konzeption
Die hervorragende Lage des Baugrundstücks direkt an der Schnittstelle zwischen Karlsruher Altstadt und Campus bietet ein hohes Potential für eine gastronomische Nutzung.Der Neubau der Hausbrauerei befindet sich an einer Stelle in der Stadt, an der zwei völlig unterschiedliche Strukturen aufeinander treffen. Der Campus der Universität auf der nördlichen Seite und der ursprünglichste und älteste Stadtteil, das Dörfle, auf der südlichen Seite der Kaiserstraße. Um den unterschiedlichen Benutzerprofilen vor Ort Rechnung zu tragen, überführt der Entwurf beide Stadtsysteme gleichzeitig in das Nutzungsprofil sowie die Gebäudestruktur fort. Durch die gastronomische Nutzung der Baulücke in dieser speziellen Lage kann ein Bindeglied zwischen Campus und Stadt entstehen. Um die Blockrandbebauung zu schließen und trotzdem die Achse des Campuses nicht zu vernachlässigen antworten der Entwurf mit einem „porösen Blockrand“ auf beide Herausforderungen. Um eine Produktion im städtischen Kontext zu gewährleisten ergibt sich, auf Grund der extremen Komprimierung der Grundfläche, eine horizontale Schichtung der verschiedenen Brauprozesse. Dieser Prozess soll nach Innen und Außen erfahrbar gemacht werden.

Hausbrauerei in Karlsruhe

Aus der Planung

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© Valerio Calavetta

Gebäudekonzeption
Während sich die meisten Hausbrauereien über ihre Historie und die Ursprünglichkeit des Handwerks definieren, versucht der Entwurf das Experiment mit dem Produkt in den Fokus zu rücken. Dafür wird das Programm, neben der Produktion und der Gastronomie, um Versuchs- und Experimentierräume erweitert. Jedem Produktionsschritt ist ein solcher Raum zugeordnet, der es im Kleinen ermöglicht mit den Bestandteilen des Bieres zu spielen.
Die Grundstruktur des Gebäudes ergibt sich aus jener Verbindung der Nutzungsparameter der Bierproduktion, der Möglichkeit des Einblickes in den Brauprozess sowie der Gastronomie. Die Verschränkung und Überlagerung der Nutzungen führt zu einem sehr kompakten, multifunktionalen Gebäudetypus.

Fokus Produktion
Für eine zeitgemäße und wirtschaftlich arbeitende Brauerei maßgeblich, sind die speziellen Geräte der Produktion und der Lagerung. Deren Abmessungen liefern die Grundlage für die jeweiligen Raumhöhen und das Stützraster der Brauerei. Die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Schritten des Herstellungsprozesses geben die Anordnung und Abfolge der Räume präzise vor.
Die Bierproduktion beginnt im Untergeschoss mit einem Gerstenlager, in dass per LKW die Braugerste angeliefert werden kann. Die Gerste gelangt über Rohrleitungen in die Mälzerei im Erdgeschoss. Hier weicht das Korn, wird zum Keimen gebracht und durch darren oder rösten zu Malz verarbeitet. Nach dem schroten wird der Malz ins erste Obergeschoss befördert, wo sich im Maisch- und Läuterbottich der eigentliche Brauprozess abspielt. Nachdem die sogenannte Ausschlagwürze mit Hefe versetzt wurde, wird diese in einen der Gär- und Lagertanks gepumpt. Hier gärt und lagert die Würze je nach Biersorte unterschiedlich lange, bevor das Bier zur Abfüllung oder zum direkten Ausschank bereit ist. Die Abfüllanlage befindet sich im Erdgeschoss und ermöglicht es so, das abgefüllte Bier per LKW abzutransportieren. Der Direktausschank ist an fünf Stellen innerhalb des Gebäudes möglich und erfolgt über Rohrleitungen direkt aus den Tanks. Um den Mitarbeitern der Brauerei und der Gastronomie kurze Wege zu ermöglichen, sind alle Geschosse mit einem Erschließungskern verbunden. Dieser dient außerdem als zweiter Rettungsweg für die Besucher und Gäste der Hausbrauerei.

Fokus Experiment und Erlebnis
Zentrale Aufgabe des Gebäudes ist es, dem Erlebnis mit dem Bier und dem Experiment am Bier Räume zu schaffen. Dafür sind die Produktionsräume der Brauerei von einem Besucherweg durchzogen, der gleichzeitig die Erschließung der Gastronomie in den oberen Geschossen ermöglicht. Da bei der Bierherstellung nicht auf Verunreinigungen mit Keimen geachtet werden muss, ist es den Besuchern möglich, direkt an die Kessel und Tanks heranzutreten. Der Weg kann somit gleichzeitig als Bewegungsraum für Mitarbeiter und Besucher genutzt werden. Durch verschiebbare Glaselemente können die Bereiche der Produktion mit dem Weg zusammengeschaltet werden. Bei Brauereiführungen geht der Besucher so nicht nur an den Produktionseinheiten vorbei, sondern vielmehr durch sie hindurch.
Ebenfalls dem Weg zuschaltbar sind die sogenannten Experimentier- und Erlebnisräume, die sich den jeweiligen Produktionseinheiten angliedern. Sie dienen sowohl dem Braumeister und den Mitarbeitern, beispielsweise beim Versuch neuer Röstungen in kleinen Chargen, als auch als Erlebnisraum für die Besucher. Hier erfahren sie, was sich hinter den großen Kesseln abspielt. Jeweils ein Experimentier- und Erlebnisraum ist der Mälzerei, der Brauerei und der Küche zugeordnet.
© Valerio Calavetta

Fokus Gastronomie
Durch die fünf verschiedenen Ausschankmöglichkeiten des Gebäudes kann auf verschiedene Nutzergruppen eingegangen werden. Am Getränkeautomaten kann direkt an der Kaiserstraße das Bier gekauft und mitgenommen werden. Der Ausschank im Erdgeschoss lädt den Besucher dazu ein das Bier im grünen Blockinneren zu genießen. Im ersten Obergeschoss genießt der Besucher das Bier bei angenehmer Lounge Atmosphäre, wohingegen im vierten Obergeschoss der Ausschank in einem traditionellen großen Raum stattfindet. Der klassische Ausschank im Biergarten wird im Entwurf als abschließendes Element in eine Dachlandschaft umgewandelt. Dort genießt der Besucher sein Bier mit einem Blick über Karlsruhe.

Überlagerung der drei Fokusse
An den Schnittpunkten der Produktion des Experiments sowie der Gastronomie befinden sich die multifunktional zuschaltbaren Erlebnisräume welche die Überlagerung und Verbindung der verschieden Nutzerprofilen repräsentieren. Dieses Zusammenspiel verbindet die städtebauliche Kozeption, mit dem Gebäudekonzept und der Nutzung zu einer neuen Art von Hausbrauerei im 21. Jahrhundert.

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Valerio Calavetta, Karlsruhe
Semesterarbeit

weitere Beteiligte
Lukas Bessai

betreut durch
Lehrstuhl Prof. Ludwig Wappner, Dr.-Ing. Ulrike Fischer, Karlsruher Institut für Technologie KIT