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ILEK Chicago Exkursion - Hochhausentwürfe
Die Eindrücke, die die Studierenden auf der Reise gesammelt haben und die daraus enstandenen Hochhausentwürfe findet ihr zusammengefasst in dem PDF anbei. Wir freuen uns über jede Einreichung aus den Arbeiten sowie über Einreichungen anderer Studierender zu unserem nächsten Förderpreis. 20170628_reader_ILEK_final  

Deutscher Stahlbau. Gut beraten.Deutscher Stahlbau. Gut beraten.

Swiss Re Next, Mythenquai Zürich

Bericht von Diener & Diener Architekten

Swiss Re Next, Mythenquai Zürich
2008* – 2017

Das Haus mit den Glaswellen für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der internationalen Rückver-sicherungs–Gesellschaft Swiss Re ist das neue Gebäude in einer Reihe mächtiger historischer Versicherungsbauten entlang des Mythenquais. Seine Gestalt ergibt sich aus der Wechselwirkung eines klar geschnittenen städtbaulichen Volumens, dem fliessenden Raum übereinanderliegender Decks im Inneren sowie der strukturellen Verknüpfung mit den benachbarten Bauten der Swiss Re. Seine gläserne Fassade erscheint im Spiel der wechselnden Helligkeiten und Lichtreflexe mal mehr, mal weniger entmaterialisiert. Der Bau im Zentrum des Swiss Re–Campus zeigt sich als offenes, einladendes Entrée des Unternehmens.

© Christian Richters Swiss Re,2017

Der neue Vierte
Das westliche Ufer des Zürichsees verdichtete sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von einer offenen Uferlandschaft vor der bewaldeten Hügelkette des Üetlibergs zur heutigen Erscheinungsform mit monumentalen Bauten entlang des Mythenquais sowie der Parkanlage des Arboretums, dem Seebad Enge und Bootsanlegestellen unmittelbar am Wasser. Vier Bauten bilden den Hauptsitz der Swiss Re: der neobarocke «Altbau» (U-förmiger Ursprungsbau: Alexander von Senger, Emil Faesch, 1911–1913; Umbau zum Geviert: Gebrüder Pfister, 1929; Büroeinbau im Innenhof: Gebrüder Pfister, 1957; Totalsanierung, Überdachung Innenhof: Tilla Theus und Partner, 1998–2000), das «Mythenschloss» (Arminio Cristofari, 1925–1927; Neubau und Rekonstruktion Seefassade, 1982–1986), das «Klubhaus» (Hans Hofmann, 1957–1958; Aufstockung: Jacques Schader, 1978–1979; Totalsanierung: sam Architekten, 1998–2000) und – bis 2013 – der «Neubau» (Werner Stücheli, 1965–1969).

Als Mitte der 2000er Jahre eine Erweiterung des Hauptsitzes notwendig wurde, sah Swiss Re darin den Anlass für eine erneute bauliche Entwicklung. Strukturelle Mängel und eine erhebliche Ausnützungs-reserve des Grundstücks bewogen dazu, das Gebäude nach 44 Jahren Nutzung aufzugeben und den Standort für einen Neubau freizugeben. Das neue Haus sollte mit zusammenhängenden offenen Arbeitsbereichen nach den Vorgaben von Minergie-P und Minergie–ECO wie auch des US-amerikanischen LEED–Platinum-Zertifikats errichtet werden. 

Offene Decks
Das Projekt für das neue Programm mit etwa doppelt so vielen Arbeitsplätzen, einem Auditorium und Kundenempfangsräumen ging 2009 aus einem Studienauftrag unter sechs nationalen und sechs internationalen Teilnehmern hervor.

Die architektonische Struktur mit offenen Decks basiert auf einem Geviert von 72 auf 58 Metern. 

Im 1. Untergeschoss ist sie räumlich mit den anderen Bauten von Swiss Re verknüpft, sodass die übergreifenden Funktionsbereiche von innen erschlossen werden. Die überdachte Vorfahrt und der Haupteingang des Hauses öffnen sich auf Erdgeschossniveau zum Mythenquai. 

Die Empfangsräume sind direkt mit dem um zwei Geschosse tiefergelegenen Auditorium und zwei mit Glas überdachten, gebäudehohen Lichthöfen (Atrien) verbunden. Die fünf gestapelten Obergeschosse bilden um diese Höfe einen enorm geräumigen Organismus, in dem alle Büroebenen gleichwertig sind. Die Höfe dienen der Belichtung und Orientierung dienen, ihre Langfenster stehen in der Regel offen. 

Wie die vier Kerne, die Treppen, die Aufzüge,  die technischen Nebenräume sind die Lichthöfe massiv gebaut. Die Fassadenkonstruktion, eine äussere Hülle aus Glaswellen und eine innere thermische Hülle mit raumhoher Verglasung, die rundum Ausblicke auf die Umgebung bietet, umschliesst Loggien für die fünf Obergeschosse. Auf der obersten Ebene mit den Kundenräumen öffnet sich eine Terrasse zum See.

Ungewohnte Grösse und Durchgängigkeit
Die Idee hinter dem Gebäude: eine Struktur, die zur Kommunikation einlädt. Anders als die Konstruktion der drei Untergeschosse in Massivbauweise aus Beton besteht das oberirdische Volumen aus einem filigranen Stahlbau – mit Spannweiten über 13 Meter. Schon der Rohbau spiegelte die besondere Durch-gängigkeit und Grosszügigkeit der räumlichen Struktur, die allseitig und umfassend mit dem Panorama und der Nachbarschaft in Beziehung gesetzt ist. Sie schafft Flexibilität. Das ist die Voraussetzung dafür, dass das Gebäude auch langfristig nach den sich wandelnden Bedürfnissen ausgerichtet werden kann.

Die offenen Büroflächen in den Obergeschossen funktionieren auf der Basis des «shared-desk»–Kon-zepts, das keine Personalisierung der Arbeitsplätze vorsieht. In jeder Etage finden sich Sitzgelegenheiten und eine Kaffeebar sowie eingestellte Besprechungsräume unterschiedlicher Dimension mit Sichtbezug zu den Arbeitsplätzen, die neben den festen Atrien und Kernen zugleich der Gliederung der grossen Decks dienen. Diese Gliederung in viele verschiedene fliessende Räume erzeugt innerhalb der jeweiligen Team-zonen eine territoriale Identität. Gestaltung und Funktionalität dieses Konzepts wurden in Kooperation mit SevilPeach, London, entwickelt, die schon in früheren Projekten eng mit Diener & Diener zusammen-gearbeitet hat.

Das Erdgeschoss ist mehreren Nutzern gewidmet. Es sind die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Haus, die durch zwei Eingänge über Aufzüge und eine Treppe zu ihren Arbeitsplätzen im 1. bis 5. Obergeschoss gelangen. Es sind Kunden und Gäste, die hier empfangen und entweder in die Besprechungsräume im Erdgeschoss oder im 5. Obergeschoss oder in das Auditorium im 2. Untergeschoss geleitet werden. Typologisch betrachtet bildet jedes Regelgeschoss einen offenen Raum mit zwei Atrien. Das Erdgeschoss hingegen besteht wie der Grossteil des obersten Geschosses aus unterschiedlichen Räumen, die sich wie die Säle eines Hotels dicht aneinanderfügen. Die Vernetzung nach oben und unten erfolgt durch Aufzüge und Treppen. Der Entreé-–Charakter, den das Haus, einem monumentalen gläsernen Windfang gleich, nach aussen vermittelt, spiegelt die horizontal und vertikal vernetzende Funktion des Gebäudes innerhalb des als Campus Mythenquai bezeichneten Swiss Re–Ensembles wider.

Kunst als Teil der Arbeitswelt
Mit Beginn der Planung gab Swiss Re neun ortsspezifische Kunstprojekte in Auftrag. Eingespannt in das architektonische Gerüst, wird den Installationen im Neubau ein besonderer Stellenwert eingeräumt. Ergänzt werden die Auftragsarbeiten mit mobilen Kunstwerken. Das Gesamt–Konzept steht damit ganz in der Tradition, mit der die bedeutende Kunstsammlung des Unternehmens schon seit langem bewusst zur Unternehmenskultur und dem Arbeitsumfeld (Workplace Environment) von Swiss Re beiträgt. Einrichtung und Materialisierung, ausgerichtet auf die Funktionalität der Arbeitsplätze, Sitzungszimmer, Empfangs- und Aufenthaltsräume, fokussieren in Farbe und Form auf die Reflexion des Lichtes und die Atmosphäre in den Räumen – dies im Sinne eines Zusammenwirkens von Kunst und Architektur als «kunstloses Gebilde» (J. J. P. Oud, 1926, zit. n. Fritz Neumeyer, Das kunstlose Wort, Berlin 1986, S. 190).

Stadtquartier am See und Waldhügel
Die Fassade mit den Wellen aus Glas lässt an traditionelle Elemente architektonischer Gestaltung denken, beispielsweise an eine Folge von Säulen. Zugleich wirkt sie wie eine dünne Membran, die unter den Schwingungen von aussen und innen zu ihrer Form gefunden hat.

Die Eigenschaft der Glaswellen als Erzeuger von Transparenz wie als Erzeuger von Masse eines konkreten Körpers führt dazu, dass die Glashülle die tektonische Fügung des Baukörpers nach aussen trägt. Durch die Verwendung grosser Wellen von 2,4 Metern Wellenlänge in den ersten vier Geschossen und kleiner Wellen von 1,2 Metern Wellenlänge für die beiden Etagen darüber wird die Differenzierung des Volumens in einen Hauptkörper und einen abschliessenden Dachbereich unterstrichen. Die Fassade steht so in einem präzisen Bezug zum Walmdach des Altbaus und zum Attikageschoss des Mythenschlosses. Ihre Gliederung korreliert mit jener der Nachbargebäude.

Die gegenüber den Nachbarbauten hervortretende ausgeprägte Andersartigkeit des Gebäudes entspringt der fluiden Materialität der Hülle. Sie verwandelt den Baukörper je nach Lichtverhältnissen in eine Struktur, die zwischen einem von dunkel bis hell reflektierenden geschlossenen Raum und einem durch sein Gerüst scharf umrissenen offenen Raum changiert.

Aus geringer Entfernung betrachtet, wirkt der Bau wie ein Haus, das sich dem Altbau und dem Mythen-schloss zwar annähert, aber sich, eingebunden in das Schauspiel der Natur, den beiden steinernen Nachbarn nie angleicht.

Öffnung zum Landschaftraum
Das Relief aus geschwungenem Glas setzt den Baukörper über die städtebauliche Positionierung innerhalb der Reihe der grossen Baukörper entlang des Mythenquais hinaus mit der landschaftsräumlichen Dimension des Ortes in Beziehung.

Am Anfang des Entwurfs standen Beobachtungen der Wasserfläche des Zürichsees und deren Anblick im ständigen Wechsel des Sonnenstands und des Wetters: ein flimmerndes Silberblau oder tiefes Grau vor dem Hintergrund eines noch tieferen Grün oder Schwarz des bewaldeten Üetlibergs. Das Spiel des Lichts in den Wellen des Sees und der Schatten entlang des Waldrands, die an diesem Ort zusammenkommen, stellten eine zweifache Faszination dar und hatten einen wesentlichen Einfluss auf die Idee, welchen Ausdruck und welche Konstruktion das Gebäude haben sollte. Die besondere Aufmerksamkeit, welche die Wirkung einer Fassade mit gewölbten Gläsern von innen wie von aussen verdient, gab Anlass zu einer ausgedehnten Versuchsreihe mit verschiedenen Glassorten in einem eigens dafür am Mythenquai errichteten Testgebäude. Schliesslich fiel die Wahl nicht, wie zuerst vorgesehen, auf ein Glas mit besonders niedrigem Eisenoxidanteil, radikal transparent weiss, sondern auf ein gewöhnliches Glas, das im Verbund mit einer Beschichtung versehen wurde, um den Reflexionskoeffizienten zu beeinflussen. 

Es hatte sich gezeigt, dass dieses Glas ein viel grösseres Spektrum an unterschiedlichen Wirkungen entfalten kann und dennoch in dieser Vielfalt immer eine gewisse Ruhe, ja Stille, zu bewahren vermag.

Die einzelne Glaswelle hängt an Edelstahlhalterungen und ist im Bereich der Überlagerung mit der nächsten Welle an Stangen befestigt, die im 5. Obergeschoss und im Bereich der obersten Geschossdecke mit dem Tragwerk verbunden sind. Die Hülle aus Wellglas, welche die Decks umgibt, ist somit sowohl in technischer Hinsicht als auch im bildlich-wörtlichen Sinn eine Vorhangfassade.

Von innen gesehen verschmelzen die gewellten Gläser mit den Ausblicken rundum – auf den See, hinüber zu den Nachbarbauten und zum Gebäudeblock auf der Rückseite – ohne die Arbeitsplätze nach aussen hin zu exponieren. 

Bei zunehmender Dunkelheit wird die Reflektion der Glaswellen überstrahlt, sie werden unsichtbar. Zwischen den Stoffbahnen der Vorhänge**, die an der Innenseite der Fenster beweglich rund ums Gebäude geführt sind, treten die indirekt beleuchteten Decken der Bürogeschosse hervor, und der Sockel aus Dolomit im Erdgeschoss ist gleichmässig erhellt. Von Arbeitsschluss bis 24 Uhr taucht der „Plan Lumiere“*** den Neubau in sein warmes Licht, das vom Faltenwurf der Vorhänge zurückgeworfen wird.

Swiss Re Next

Aus der Planung

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© Diener & Diener Architekten

Tragwerk 
Untergeschosse Stahlbetonbau:
Sie sind als Stahlbetonkasten ausgebildet, in welchem die Erschliessungskerne eingespannt sind. Kerne wirken statisch als vertikale Kragträger, welche zu den Vertikallasten auch Horizontallasten (Wind-/Erdbebenlasten) abtragen.

Decken sind als Flachdecken ausgebildet. Das Achsraster der Hauptstützen ist zur Minimierung der Deckenstärken zusätzlich durch weitere Stützen unterteilt. Zusätzlich erfüllen die Decken die dauerhafte Abstützung der Schlitzwand (Scheibenwirkung).
Zur Stützung der Aussenwand  und aufgrund grossräumiger Durchdringungen (Atrien, Auditorium, Rampe), welche unmittelbar an die Aussenwand der Untergeschosse angrenzen, wurden kastenförmige, liegende Riegel eingebaut.

Obergeschosse Stahlskelettbau mit Stahlbetonverbunddecken:
Die Stahl-Beton-Verbunddecken liegen auf 18 Stahlstützen und 4 Erschliessungskernen und spannen ein Trägersystem (Primär- und Sekundärträger) im Verbund mit der Decke auf. Alle Stahlträger sind zur Mediendurchführung systemisch gelocht. Der Achsabstand der Stützen beträgt 13,60m/13,32m.

* 2008 Start Studienauftrag im August. 2009 Jurierung im Oktober, 2009 Start Planung im November

** Die Vorhänge für den Neubau wurden nach dem Konzept des Künstlers Willem de Roiij angefertigt. Die Wollstoffbahnen, weder gefärbt, noch gebleicht, umspannen die Decks mit einem Hell–Dunkel–Verlauf. In der Nacht erzeugen sie einen warmen Schimmer.

*** Der Plan Lumière der Stadt Zürich zum stadtübergreifenden gestalterischen Umgang mit Licht berücksichtigt das Seebecken als Ganzes und insbesondere Bauten der Stadtfront zum See aus unterschiedlichen Epochen. 

www.stadt-zuerich.ch/ted/de/index/taz/publikationen_u_broschueren/plan_lumiere_gesamtkonzept.html. Das Konzept für das Erscheinungsbild von Altbau und Neubau als Teil des Plan Lumière beruht auf Tests in enger Abstimmung mit der Stadt Zürich im September 2017. Es wird in den kommenden Monaten realisiert.

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Jahr der Fertigstellung
2017

Adresse (Objekt)
Mythenquai 50, 8002 Zürich

Bauherr
Swiss Re Investments AG, Zürich

Architektur
Diener & Diener Architekten, Basel

Baumanagement
Proplaning AG, Basel

Tragwerk
Ernst Basler + Partner AG, Zürich